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Vasilijus Safronovas, Über die moralische Wahl. Interview mit Lina Motuziene und Ruth Leiserowitz zum Thema des Festivals und der Thematik des Krieges



 

Kurz vor dem Internationalen Thomas-Mann-Festival erschien in 7menodienos, Nr. 21 (1127) am 29. Mai 2015 folgendes Interview mit einer Einleitung zum Thema mit der Direktorin des Thomas-Mann-Kulturzentrums Lina Motuziene und Ruth Leiserowitz, der Vorsitzenden des Kuratoriums. Hier in der Übersetzung aus dem Litauischen.

Die Thematik des Krieges taucht heute wieder auf Bildschirmen und Zeitungsüberschriften auf. Militaristische Stimmungen lassen aktuell jeden fragen, welche Haltung es heute einzunehmen gelte – sich zu engagieren, zu unterstützen, oder neutral zu verharren? In ganz Europa war diese Frage auch vor genau einhundert Jahren aktuell, als der Erste Weltkrieg herrschte, der 10 Millionen Menschenleben forderte. In Erinnerung an diese Frage, veranstaltet das Thomas-Mann-Kulturzentrum einen fünfjährigen Festivalzyklus „Das Erbe der Moderne. 100 Jahre nach dem Großen Krieg“. Dieser Zyklus, der sich mit Fragen zu Krieg, Frieden und aktueller Kunst befasst, begann im letzten Jahr mit dem Festival „Jahrhundertsommer“. In diesem Jahr lädt das immerhin schon 19. Internationale Thomas-Mann-Festival mit dem Titel „Ausbruch des Gewissens“ vom 11.–18. Juli nach Nida ein.

 
Das diesjährige Festival „Ausbruch des Gewissens“ ist ein Hinweis auf die Biographie des Schriftstellers. Bis zu dem vierjährigen Konflikt, der Europa verwandelte, hatte Thomas Mann sich als apolitisch deklariert, dennoch geriet er 1914 zu einem der Künstler, die den Kriegsbeginn enthusiastisch unterstützten. In seinem 1914–1915 verfassten Essay und dem 1918 veröffentlichten Band „Betrachtungen eines Unpolitischen“ rühmte er den militärischen Kampf der „deutschen Kultur“ gegen die „Flachheit des Westens“ Im Grunde des Konfliktes versuchte Thomas Mann sich zu rechtfertigen, in dem er die Begriffe „Kultur“ und Zivilisation“ gegenüberstellte.  Die wahre Kultur, die er mit den Kategorien Ehrlichkeit, Kreativität und Tiefgründigkeit charakterisierte, würde nur von Deutschland vertreten. In den anderen europäischen Ländern des „romanischen Frühlings“ finde  man eine sterile oberflächliche und tückische Zivilisation vor. Der Krieg sei ein Mittel zum Wohl aller, um die deutsche „Kultur“ dorthin zu verbreiten, wo es an ihr mangele. Diese Haltungen vertrat Thomas Mann während des Ersten Weltkrieges. Aber 1918, kaum dass sein Buch „Betrachtungen eines Unpolitischen“ erschienen war, begann er sich immer stärker von diesen früheren Gedanken zu distanzieren und schon nach einigen Jahren verteidigte er energisch Humanismus und Demokratie.

Im Bemühen, Themen zu derartigen moralischen Fragen zu  erörtern, lädt das Thomas-Mann-Kulturzentrum in jedem Jahr im Zeitraum um den Geburtstag des Thomas-Mann-Hauses, den 16. Juli, als der Schriftsteller sein Sommerhaus bezog, zu einer Festivalwoche nach Nida ein. Hier finden außerordentliche Begegnungen statt; Konzerte, Kinonächte und künstlerische Ausstellungen. Wir sprachen mit den Organisatorinnen des Festivals, der Vorsitzenden des Internationalen Kuratoriums des Thomas-Mann-Kulturzentrums,  PD Dr. Ruth Leiserowitz und der Direktorin des Kulturzentrum Lina Motuzienė.

Vasilijus Safronovas

Safronovas: Vor einigen Jahren war die weltbekannte Erinnerungsforscherin Aleida Assmann Gast des Festivals. Einer der Hauptgäste in diesem Jahr ist der in der scientific community nicht minder bekannte deutsch-französische Historiker Étienne François. Er ist einer der wenigen Historiker, die gleichgewichtig in zwei Ländern, in Frankreich und Deutschland positioniert sind. Gleichfalls ist er ebenfalls ein bekannter Erinnerungsforscher, der gemeinsam mit dem im letzten Jahr verstorbenen Kollegen Hagen Schulz die dreibändige Ausgabe der „Deutschen Erinnerungsorte“ herausgegeben hat. Also scheint es, dass das Erinnerungsthema der Festivalkonzeption nicht fremd ist?
Motuziene: Zweifelsohne ist dieses Thema für das Festival aktuell, besonders da der Erste Weltkrieg weltweit breit erinnert wird. Die Verbindungen zwischen Krieg und Erinnerung sind unauflösbar. Es ist ein großes Glück, das es gelingt, derart bekannte Autoren zum Festival einzuladen. Andererseits ist das das Ergebnis großer Anstrengungen und hier muss ich in erster Linie unserer Kuratoriumsvorsitzenden Ruth Leiserowitz danken, der es gelungen ist, einen sehr beschäftigten Wissenschaftler nach Nida zu locken.
Leiserowitz: Professor Etienne Francois ist nicht nur ein Spezialist auf dem Feld der Erinnerung, er ist darüber hinaus ein ausgewiesener Experte für die Frage der deutsch-französischen Beziehungen und dazu wird er auch in diesem Jahr sprechen. Wenn Sie mich nun fragen, was das Thomas-Mann-Haus und die deutsch-französischen Beziehungen miteinander zu tun haben, weise ich auf den frankophilen Bruder des Schriftstellers hin, der selbst ein Schriftsteller war und sich zu Kriegsausbruch, wie schon so oft vorher noch in Nizza aufgehalten hatte. Heinrich Mann veröffentlichte 1915 in den „Weißen Blättern“, dem von René Schickele herausgegebenen intellektuellen Magazin mit pazifistischer Tendenz einen Essay über Émile Zola, den er für den prototypischen Anwalt der Zivilisation hielt. Mann stellte darin Zola  als Vorbild des Intellektuellen dar, der sich für Wahrheit, Vernunft, Frieden und Demokratie einsetzt, sein Gewissen, diese Instanz des menschlichen Bewusstseins, im Kontext des Kriegs prüft und dessen Ausbruch durch den „Nebel der Begeisterung“ hindurch einfordert. Diese Schrift führte zu einer Auseinandersetzung mit dem nationalgesinnten Thomas. Mit Hilfe von Professor François werden wir uns an den „Mannschen Bruderzwist“ erinnern und diesen erörtern – und zwar von einer Außenperspektive. Damit kommt das Thomas-Mann-Kulturzentrum einer seiner Hauptaufgaben nach – der Erkundung, Pflege und Bewahrung  des kulturellen Erbes der Familie Mann.

Safronovas: Glauben Sie, dass es in einem Land wie Litauen heutzutage aktuell ist, über den Ersten Weltkrieg zu sprechen? Es hat sich in diesem Land noch keine staatliche Erinnerungstradition an .diesen Krieg herausgebildet. In  der Zwischenkriegszeit  wurde die Erinnerung an den Großen Krieg durch die Erfahrung der Unabhängigkeitskriege überlagert, später stand der Zweite Weltkrieg im Vordergrund. Ähnlich verlief es in den anderen ostmitteleuropäischen Staaten.
Leiserowitz: Im letzten Jahr, wähnten wir uns während des Festivals, als wir über die Stimmungen des Kriegsausbruches 1914 diskutierten, unglaublich weit weg von kriegerischen Ereignissen und dann wurde plötzlich in diesen Tagen MH 17 abgeschossen und wir begriffen, das konfrontative Stimmungslagen immer wieder vorkommen können und Dinge uns auch auf territoriale Distanz betreffen und betroffen machen können. Es geht ja nicht nur um Geschichte sondern auch um die moralischen Herausforderungen und die philosophischen und theologischen Fragen, die damit verbunden sind.
Motuziene: Ich möchte daran erinnern, dass der Erste Weltkrieg auch Litauen  berührt hat und ebenfalls Nidden, wo es auch Symbole der Kriegserinnerung gab. Schon zu Kriegsbeginn erlebten die Niddener die Mobilisierung und lebten mit dem Flüchtlingsstrom. In dem kleinen Fischerdorf wurden 1.200 Flüchtlinge, vor allem Frauen und Kinder untergebracht. Das bedeutet, dass die Niddener die Kriegsstimmung aus nächster Nähe erlebt haben. Die Erinnerung an den Großen Krieg wurde auch durch das Denkmal thematisiert, dass zu Erinnerung an die Mitbegründer der Niddener Künstlerkolonie Ernst Bischoff-Culm, Hans Beppo Borschke und den Dichter Walter Heymann, die allesamt in diesem Krieg starben, errichtet wurde. Über diese Personen werden wir auch auf dem diesjährigen Festival sprechen.

Lina Motuzienė

Safronovas: Welche konkreten Erinnerungsschichten an den Ersten Weltkrieg planen Sie in diesem Jahr aufzuzeigen und mit welchen Mitteln wird das geschehen?
Motuziene: Das Hauptmotto des Festivals ist die Rolle des Künstlers und seine Verantwortung in einer komplizierten politischen Situation. Der Krieg war ein Zeitraum, in dem die Intelligenz wählen musste, ob sie schweigt oder ihrer künstlerischen Haltung verleiht. Beispielsweise blieb der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig angesichts des Krieges unverstanden, als er sich gegen die Sinnlosigkeit des Krieges aussprach.  Eines der Themen unseres Festivals ist auch der Konflikt der Brüder Mann, der während dieser Zeit ausbrach. Darüber können sich die Besucher während des Festivals in unserer Ausstellung, „Bruderschaft als Schicksal. Thomas und Heinrich Mann“ informieren, die vom Kulturzentrum Reinbek und den Mitarbeitern des hiesigen Thomas-Mann-Museums gestaltet wurde. Den schon erwähnten Künstlern der Niddener Künstlerkolonie ist eine andere Ausstellung  „Künstler zu Zeiten des Krieges“ gewidmet.
Leiserowitz: Diese von Kristina Jokubavičienė kuratierte Ausstellung stellt einen wesentlichen Programmpunkt dar. Zwar wusste man bisher schon, dass viele der Maler der Niddener Künstlerkolonie in die Schützengräben des Krieges mussten, aber wir haben bisher nie gezeigt, dass sie auch dort gezeichnet haben und welche Eindrücke sie festgehalten haben. Diese vier Kriegsjahre wurden bisher immer ausgelassen und diesen Zeitraum  und dessen künstlerische Produktion gilt es nun in das allgemeine Bewusstsein zurückzurufen.

Ruth Leiserowitz

Safronovas: Bemühen Sie sich, das Thema des Festivals auch in das musikalische Programm zu integrieren?
Leiserowitz: Die Musik von Maurice Ravel und Igor Strawinsky versinnbildlicht auf ihre Weise das Kriegsgeschehen. Das Kriegsthema wird auch durch ein Konzert fortgeführt, das dem kriegsversehrten Pianisten Paul Wittgenstein gewidmet ist. Ihm zu Ehren erklingt die Suite op.23 für 2 Violinen, Cello, Klavier linke Hand von Erich Wolfgang Korngold, die in Litauen zum ersten Mal aufgeführt werden wird.

Safronovas:  Das Festivalpublikum pflegtimmer sehr facettenreich zu sein: von den deutschen Senioren, die kein Festival auslassen bis hin zu der zahlreichen Jugend aus Litauen. Glauben Sie, dass das von Ihnen gewählte Thema für den Festivalzyklus für alle Alters-und Interessengruppen gleichermaßen von Interesse ist? 
Leiserowitz: Unser Publikum ist vielfältig und seine Interessen ebenso. Doch die Diskussionen und Gespräche des letzten Jahres haben gezeigt, dass es gerade zu diesem Zeitraum viel zu entdecken gibt. Wir binden uns auch nicht sklavisch mit allen Inhalten an das Festivalmotto, sondern setzen bewusst einige Akzente. Damit schaffen wir uns aber auch die Möglichkeit, sowohl literarische als auch musikalische Werke seitab von den ausgetretenen Pfaden aufzuspüren und vorzuführen. 

Safronovas: Das Thomas-Mann-Kulturzentrum wird in diesem Jahr zwanzig Jahre aktiv sein. Das Festival wird schon zum 19. Mal organisiert. Haben sie sich nicht über den langen Zeitraum erschöpft? Welche Neuheiten haben Sie sich noch für die Festivalbesucher überlegt?
Motuzienė: Ich selbst organisiere das Festival schon zum 7. Mal. Im Rückblick auf diesen Zeitraum kann ich wirklich sagen, dass die Ideen nicht ausgehen. Das Thomas-Mann-Festival ist sehr dynamisch, es verbreitet eine gute Energie, obwohl es für die Organisatoren der Festivalwoche sehr angestrengte Arbeit bedeutet.
Leiserowitz: Wir haben immer wieder unterschiedliche Gäste und wechselnde Partner, die ihre eigenen Erfahrungen, Erwartungen und Ideen einbringen. Insofern sind wir auch zu einem gewissen Teil immer wieder gezwungen, uns neu zu erfinden. In diesem Jahr bereiten wir das Festival zum ersten Mal gemeinsam mit dem neuen Direktor des Vilniusser Goethe Instituts Detlef Gericke vor, der mit vielen Ideen aus Boston nach Litauen gekommen ist. Wir brauchen uns keine Novitäten auszudenken, die ergeben sich von alleine - Kommen Sie selbst und schauen Sie!